Sunday, 2 February 2020 / Nicole / Regeln für Jugendliche abschaffen

Zugegeben, der Titel klingt etwas provokant und es geht auch gar nicht darum, alle Regeln abzuschaffen. Aber was mir immer wieder aufgefallen ist, wenn Jugendliche zu uns in die Familie kamen war, dass sie ein regelrechtes Regelwerk in ihrem Kopf haben. Das ganze Leben ist ausgerichtet auf Regeln. Es ist alles festgelegt, wann was gemacht wird. Dies funktionert in einem Projekt, aber im wahren Leben eben nicht und schon gar nicht in einer Familie mit kleinen Kindern. Hier geht es oft darum flexibel zu sein und sich auf die jeweilige Situation einzulassen, umzustrukturieren und nicht zu vergessen auch das Leben zu genießen zwischen den ganzen Aufgaben und Erledigungen. Dies fiel den meisten Jugendlichen schwer. Auch vorher in der Arbeit in der Gruppe kam ich mir oft vor wie eine Fabrikarbeiterin, die darauf achtet, dass die Regeln eingehalten werden. Für spontanes, intuitives Handeln, war oft wenig Platz. Aber das ist es doch gerade, was uns Menschen ausmacht. Das wir die Fähigkeit haben zu fühlen und intuitiv zu handeln. Dass wir erkennen können, was gerade anliegt und nicht stumpf nach Regeln zu handeln. Das was ich hier im kleinen erlebt habe, erkenne ich auch immer wieder in der Gesellschaft. Die meisten Menschen gehen den "männlichen" Weg, den verkopften. Die wenigsten hören auf ihre innere Stimme, die zwar nichts von Logik versteht, aber meist doch die bessere Beraterin ist. Diese innere Stimme oder Intuition sollten wir meiner Meinung nach öfter in der Pädagogik anwenden. Fühlen was die Gruppe gerade benötigt und dann auch danach handeln. Nicht stur den Regeln folgen. Das ist dann soziale Arbeit. Und natürlich ist das dann erstmal mehr Arbeit. Denn wir müssen uns mit vielen Stellen auseinandersetzen. Die Jugendlichen werden erstmal nicht verstehen, warum du nicht nach den Regeln handelst und du wirst mit ihnen diskutieren müssen. Die Kollegen werden erstaunt oder vielleicht sogar verärgert sein, weil du nicht nach den Regeln gehandelt hast. Du musst dich vielleicht mit dem ganzen Team und Chefs auseinandersetzen. Aber nach und nach zahlt es sich aus. Es geht auch wieder um das Thema Vertrauen. Ihr müsst im Team einander vertrauen, dass der/die andere das schon richtig macht. Und nach und nach werden das auch die Jugendlichen lernen. Lernen auf ihre innere Stimme zu hören. Nicht nur auf den Kopf, der übrigens ein 5000 mal kleineres Energiefeld hat, als das Herz. 

Aber wie soll das funktionieren? Wie kannst du damit beginnen? Wichtig ist zu wissen, dass intuitive Antworten erst dann kommen, wenn es ruhig ist. Das ist natürlich schwer, in einer Jugendgruppe, wenn immer etwas los ist. Daher habe ich mir angewöhnt, bei Fragen, immer zu antworten "ich denke darüber nach" und dann überlege ich mir in einer ruhigen Minute, wie ich entscheide. Hilfreich ist auch, die Frage aufzuschreiben und sie dann erstmal wegzulegen. Die Antwort kommt dann schon. Ich erinnere mich an eine Jugendliche, die immer in hektischen Situationen nach Ausnahmen gefragt hat. Sie konnte dies immer so logisch erklären, dass ich in der Situation keinen Einwand fand, es erlaubte, aber hinterher feststellte, dass es keine kluge Entscheidung war. Daher gewöhnte ich mir an, die Antwort zu verschieben und in einer ruhigen Minute, stellte ich dann meistens fest, dass eine Erlaubnis nicht zu ihrem Vorteil war. 

Ein weiterer Tip ist: achte auf deine Sinne. Wie hört sich das für dich an? Wie sieht es für dich aus? Wie reagiert dein Körper? Zieht sich etwas zusammen? Spürst du ein kribbeln? Werde wieder mehr zum Beobachter. Von dir selbst, aber auch von der Gruppe und den Jugendlichen. Wir sind oft gestresst und handeln dann im Autopilot. Mach dir das bewusst. Atme einen Moment durch, komm runter und betrachte die Situation dann nochmal mit nüchternen Augen. Versuche die Gefühle und Bedürfnisse der Jugendlichen wahrzunehmen, aber auch deine eigenen. 

Nimmer dir außerdem den Stress, immer sofort reagieren zu müssen. Natürlich reagierst du in einer Krise, bei der Jemand verletzt werden könnte sofort. Aber in anderen Fällen musst du nicht sofort handeln. Konsequenzen müssen nicht sofort ausgesprochen werden. Oft kommen diese dann aus dem Bauch geschossen, was aber nicht wirklich zur Situation passt oder die übertrieben sind, da du selbst vielleicht in Rage bist. Entspann dich also, relax und treffe Konsequenzen ruhig und überlegt. 

Es geht also darum wieder mehr auf deine intutive Stimme zu hören und zu fühlen, was im Moment benötigt wird und weniger mit dem Kopf zu denken. Probier es mal aus und vergiss nicht deine Erfahrungen mit uns in der Facebookgruppe "Mindset für die Jugendhilfe" mit uns zu teilen.

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