Thursday, 23 January 2020 / Nicole / Was ist am Wichtigsten für die Jugendhilfe: Vergangenheit, Gegenward oder Zukunft?

In der Jugendhilfe beschäftigen wir uns ganz viel mit der Vergangenheit. Welche Geschichten haben die Jugendlichen? Wo kommen sie her? Was ist dort alles passiert? Was haben sie bisher erlebt? Die Berichte sind voll mit der Vergangenheit der Jugendlichen. Und das ist einerseits natürlich wichtig, denn sie bietet uns Erklärungen für bestimmte Verhaltensweisen, für ihre Gefühle, Gedanken. Warum sind sie so wie sie sind? Und warum verhalten sie sich so? Was ich in meiner Arbeit beobachtet habe ist, dass die Jugendlichen sich auch ganz viel mit ihrer Vergangenheit beschäftigen, aber nicht im Sinne von: „ich erkenne meine Vergangenheit an und akzeptiere sie!“ sondern eher als Ausrede, warum sie bestimmte Dinge nicht machen können. Oder als Begründung, warum es ihnen jetzt schlecht geht und sie leiden. Sie hängen sich an die alten Geschichten und sind daher nicht fähig bestimmte Sachen zu erledigen. Und das was da passiert ist, dass sie sich eine Geschichte über ihre Vergangenheit erzählen. Wir erzählen uns alle Geschichten über unsere Vergangenheit. Und diese Geschichten können negativ sein. Also zum Beispiel, „da meine Eltern sich nicht um mich gekümmert haben, kann ich jetzt keinen an mich heran lassen!“. Also da mir diese Geschichte passiert ist, da ich diese Vergangenheit habe, kann ich heute eine bestimmte Sache nicht tun. Man kann dies aber auch ins positive drehen und sich eine positive, stärkende Geschichte über seine Vergangenheit erzählen. Also, gerade weil mir diese Sachen passiert sind, habe ich heute bestimmte Stärken, die ich sonst nicht hätte. Um bei dem Beispiel zu bleiben: „da sich meine Eltern nicht um mich gekümmert haben und ich viel alleine war, bin ich heute sehr selbständig und kann in vielen Bereichen für mich selbst sorgen!“. Es geht also um das Erkennen seiner Talente und Fähigkeiten, die man ohne diese Vergangenheit evtl. nicht hätte. Evtl. kann man anderen auch gerade dadurch helfen. Die Patchworkfamily hat ja beispielsweise das Ziel der Burnoutprävention, was ich nicht so machen könnte, wenn ich nicht selbst erlebt hätte, was heißt kurz vor einem Burnout zu stehen. Deine Geschichte kann dich also auch stärken und dich dazu motivieren etwas zu bewegen. Also die Vergangenheit ist natürlich wichtig, aber ich denke es ist ein großer Fehler sich negativ an diese Geschichten zu hängen. Ich denke es ist wichtig sie anzuerkennen und zu akzeptieren, aber dann auch aufzulösen und in die Gegenwart zu kommen.

Was auch wichtig ist zu wissen ist, dass bis zum 6. Lebensjahr eine Art Programmierung stattfindet. Wir saugen alles ohne Filter auf, woraus dann unser Programm für die Zukunft besteht. Du handelst als Erwachsener dann unbewusst nach diesem Programm. Also das was du in diesem Alter gesehen und erlebt hast, das hältst du für die Welt und so verhalten wir uns dann auch. Du lebst also das, was dir deine Eltern, Bezugspersonen, nahe Verwandte, ErzieherInnen, LehererInnen etc. vorgelebt haben. Das was du heute lebst, ist also nicht das was du leben willst, sondern es sind die Werte, Regeln und Verhaltensweisen, nach denen deine Vorbilder gelebt haben. (Es sei denn du hast diese mittlerweile überprüft und ein Programm angepasst.) Das heißt viele Leben in einer Art Autopilot. Sie leben mechanisch die Werte ihrer früheren Bezugspersonen und wissen gar nicht, was sie eigentlich selbst leben wollen. Dieses Programm kann man aber ändern, indem man sich das bewusst macht. Es geht natürlich nicht von heute auf morgen. Es sind viele Glaubenssätze damit verbunden. Glaubenssätze, die wir unser ganzes Leben lang mit uns tragen. Das ist uns auch gar nicht bewusst und es wird uns auch gar nicht gelehrt. Deswegen ist es ganz wichtig, da einfach mal hinzuschauen: „Welche Glaubenssätze habe ich im Leben, die mich blockieren?“ und „Stimmen diese Glaubenssätze denn überhaupt?“. Denn meistens stimmen diese Glaubenssätze gar nicht. Das sind Dinge, die unsere Eltern schon von ihren Eltern gelernt haben und das sind meist Dinge, die nicht oder nicht mehr wahr sind. Also schau mal deine Glaubenssätze an und schau wie sie dich blockieren und wo sie dich nicht weiterkommen lassen.

Und genau das gleiche sollte man eben auch den Jugendlichen beibringen. Dass sie bis zum 6. Lebensjahr ein Programm aufgespult bekommen haben, welches sie jetzt ändern können. Gerade bei Jugendlichen sind die Glaubenssätze ja noch nicht so eingebrannt wie bei uns. Es ist natürlich ein Unterschied, ob du deine Glaubenssätze 10 Jahre oder 30 Jahre mit dir herumträgst. In der Jugend sind die Glaubenssätze daher noch viel einfacher zu ändern. Wobei hier oft das Problem besteht, dass die Jugendlichen oft nicht so genau wissen, was sie eigentlich wollen. Da ist dann die Frage in welche Richtung ändert man die Glaubenssätze.

Es ist aber auch oft so, dass wir uns in der Jugendhilfe in der Zukunft befinden. Wir überlegen, was muss ich denn noch tun? Was muss ich denn da noch machen? Hier ist noch eine Aufgabe. Da noch eine To-Do-Liste. Was damit aber verbunden ist, sind Sorgen und Ängste. Also Sorgen, was könnte in der Zukunft alles negatives passieren und die entsprechende Angst dazu. Also zum Beispiel: „was ist, wenn ich meinen Job verliere?“ „Wenn mein Freund fremdgeht?“ etc. Es geht also um ganz viele Gedanken, die noch gar nicht wahr sind und zum Teil sind diese Ängste auch gar nicht real. Und wenn du ständig diese negativen Gedanken hast, ziehst du diese Dinge ja auch viel eher an. Also wenn du immer denkst, mein Freund geht fremd, dann wird er wahrscheinlich auch irgendwann mal fremd gehen. Du denkst das ja eh schon. Natürlich möchte ich damit nicht sagen, dass man gar nicht in der Zukunft sein soll. Es macht durchaus Sinn sich Ziele für sein Leben zu stecken und schauen wo soll es hingehen, was will man erreichen. Natürlich bringst du dem Jugendlichen bei sich Ziele zu setzen.

Was aber am Wichtigsten ist, ist einfach mal in die Gegenwart zu kommen und zu schauen, was passiert denn eigentlich jetzt in dem Moment. Wie geht’s mir? Was fühle ich mich jetzt? Denn dein Leben spielt nicht in der Vergangenheit oder der Zukunft. Dein Leben spielt jetzt. Und wenn du immer nur in der Vergangenheit oder Zukunft lebst, dann verpasst du dein Leben jetzt. Leben und etwas ändern kannst du eigentlich nur jetzt. Meiner Meinung nach ist das etwas, was wir den Jugendlichen beibringen sollten, so dass sie ein Gespür für den Moment bekommen. Ein Gespür dafür, was denn richtig für sie ist. Ein Gespür dafür bekommen, was sie jetzt im Moment machen sollten.

Die meisten Jugendlichen, die ich bei uns in der Familie betreut habe, haben ein richtiges Regelwerk im Kopf und können gar nicht mehr fühlen, was denn jetzt eigentlich angebracht wäre. Viele können nicht verstehen, wenn bestimmte Regeln, die sie aus den Einrichtungen kennen plötzlich in der Familie nicht mehr eingehalten werden. Sie haben kein Gespür für den Moment. Kleine Kinder haben dies noch. Sie spüren den Moment. Die meisten Jugendlichen, die ich betreut habe, haben dies verlernt. Sie leben nach Regeln und können das Leben im Moment gar nicht richtig genießen. Sie arbeiten die Tagesstruktur ab, ohne zu verstehen und vor allem zu fühlen, was sie da gerade machen. Ich denke die Pädagogik sollte sich hier drehen und anstelle von 1000en Regeln, mehr Gefühl lehren. Natürlich sind bestimmte Regeln wichtig für ein Zusammenleben. Gerade in Wohngruppen braucht man Regeln, damit das Zusammenlegen klappt. Aber vergessen wir vor lauter Regeln nicht das Leben und das Fühlen. Auch wir BetreuerInnen sind hier glaub ich manchmal zu sehr im Kopf und machen aufgrund von Regeln bestimmte Dinge nicht, obwohl unser Bauchgefühl etwas anderes sagt. Wir sollten auch wieder mehr auf unsere Intuition hören. Sie sagt uns was richtig ist für diesen Moment.

Probier es doch mal für dich selbst aus. Wie oft bist du wirklich jetzt in dem Moment? Und wie oft denkst du an das was war oder das was du noch zu tun hast?

Ich freu mich auf dein Feedback!